“Geh zurück ins Bananenland” – Afrozensus gibt erstmals Einblicke in die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen in Deutschland – Djamilia Prange de Oliveira

Im November 2021 wurde der Afrozensus veröffentlicht, die erste systematische Befragung der Lebensrealitäten von Afrodeutschen, afrodiasporischen und schwarzen Menschen in Deutschland. Die Befragung macht deutlich, dass Rassismus in Deutschland vor allem eins ist: ein Strukturproblem. Und als solches sollte es auch erkannt und angegangen werden. Das Perspektiven of Color Projekt gibt einen Einblick in den Bericht. 

Das Video, das zeigt, wie Adegbayi B. im November 2021 in Berlin von einer weißen Frau rassistisch beleidigt und angespuckt wird, erweckt unangenehme Erinnerungen. “Geh zurück ins Bananenland”, “Affe”, “Ich war hier zuerst” oder “nur, weil du weiß sein willst”, sind ein paar der Parolen, die mir wütende, weiße Männer in den vergangenen zwei Jahren ins Gesicht gebrüllt haben. Erinnerungen, die keine vereinzelten, unglücklichen Zufälle sind, sondern viel mehr ein strukturelles Problem unterstreichen. Ein Problem, von dem alle wissen, dass es existiert, welches aber lieber gemieden wird. Parolen, die PoC in Deutschland aus ihrem eigenen Alltag kennen. 

Das macht der Afrozensus deutlich, der wenige Tage nach Adegbayis traumatisierender Rassismuserfahrung veröffentlicht wurde. Es ist die erste großangelegte Befragung, die die Rassismuserfahrungen schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland sammelt und aufbereitet. 78,6 Prozent der Befragten wird laut Afrozensus von Rassisten gesagt, sie sollen dahin zurückgehen, wo sie herkommen. Die Mehrheit von ihnen (71%) kommt aus Deutschland. Ein Glück, dass es in Wahrheit weder das Bananenland, noch das Taka-Tuka-Land gibt. 

“Sei nicht so empfindlich!”

Aber Rassismus, den gibt es wirklich – und zwar auch bei uns in Deutschland, wo über eine Millionen Menschen afrikanischer Herkunft leben. Trotzdem gab es bis dato keine umfangreiche wissenschaftliche Studie, Umfrage oder Statistik zu schwarzen Communities und ihren Lebensrealitäten. Dass viele, wenn nicht die meisten von ihnen, von Rassismus betroffen sind, ist kein Geheimnis. Doch ihre Rassismuserfahrungen werden in unserer Gesellschaft nicht ernst genommen und oft unter den Tisch gekehrt, wie aus dem Bericht hervorgeht. 

93,3% der Befragten gaben an, dass ihnen nicht geglaubt wird oder gesagt wird, sie seien zu empfindlich, wenn sie Rassismuserfahrungen ansprechen. Die Verleugnung von Rassismus ist ein wiederkehrendes Muster, das dazu führt, dass Betroffene Rassismusvorfälle nicht melden. Unter den Afrozensus Befragten sind es ganze 77,8%. Die 22,2%, die es tun, machen überwiegend schlechte Erfahrungen: Für 61,4% gab es keine Konsequenzen nach der Meldung bzw. Anzeige eines diskriminierenden Vorfalls.

Erstmalig verschafft der Afrozensus solchen Erfahrungen Sichtbarkeit. Und gerade deshalb ist er so wichtig, findet die 27-jährige Medizinstudentin Danai Kuhn von Perspektiven of Color: “Ich bin kein Einzelfall mehr oder habe Situationen überbewertet, sondern was ich erlebt habe, war Rassismus, den auch viele andere Schwarze, PoC und afrodeutsche Menschen erleben.” 

“Kann ich mal deine Haare anfassen?”

Ein Beispiel: Schwarze Menschen kennen den oftmals ungefragten Griff ins Haar zu gut, unter den 6000 Befragten sind es 90%. Knapp die Hälfte gab an, dass ihnen das “häufig” (20,6%) oder “sehr häufig” (28,4%) passiert. Neben den bereits erwähnten Szenarien und dem “klassischen” Griff ins Haar gibt der Afrozensus Einblicke in das Erleben und die Diskriminierungserfahrungen schwarzer und afrodiasporischer Menschen in 14 verschiedenen Lebensbereichen. Dazu gehören zum Beispiel der Arbeitsplatz, die Polizei, Kunst und Kultur, Ämter und Behörden oder der Wohnungsmarkt, wo 36,2% der Befragten oft oder sehr häufig Diskriminierung erleben.

Tatsächlich werden solche “klassischen” Rassismuserfahrungen durch die weitverbreitete Verleugnung von Rassismus oft weder von Betroffenen, noch von TäterInnen als solche wahrgenommen. Denn ein “sei nicht so empfindlich!” oder “stell dich nicht so an!” macht auch etwas mit den Betroffenen, wie der Afrozensus zeigt. Dessen Aufbereitung und Sichtbarmachung von Rassismuserfahrungen ermöglicht es, rassistische Taten als solche einzuordnen und auf eine Definition von anti-Schwarzem Rassismus hinzuarbeiten. 

Auch Künstlerin und Perspektiven of Color Mitglied Clarita Maria, die selber an der Afrozensus-Befragung teilgenommen hat, konnte ihre Rassismuserfahrungen erst viel später als solche begreifen. “Ich bin in Namibia aufgewachsen, eine ehemalige deutsche Kolonie. Bis zur Oberstufe war ich die einzige schwarze Afrikanerin in meiner Klasse. Damals sind mir Dinge passiert, die ich erst sehr spät verstanden habe, als ich nach Deutschland gekommen bin. Mit ungefähr 19, 20 habe ich erstmals meine Erfahrungen als Rassismus bezeichnen können. Es ist frustrierend, dass wir eine kollektive Umfrage brauchen, um der Gesellschaft zu zeigen, dass Deutschland ein Rassismusproblem hat. Aber gleichzeitig sind die Resultate etwas Greifbares. Sie haben das Potenzial, uns gegen rassistische Menschen und Institutionen, die unsere Rassismuserfahrungen abwerten, zu schützen.”

Schwarze Frauen werden sexualisiert, schwarze Männer kriminalisiert

Die Diskriminierung, die schwarze Menschen in allen Lebensbereichen und Institutionen in Deutschland erfahren, führt zu einem Mangel an Vertrauen in Institutionen und politische Parteien. Besonders ausgeprägt ist der Mangel an Vertrauen in die Ausländerbehörde (30,9%), in Kirchen (28,3%) und die Polizei (28%). Diese Zahlen zeigen auch, welche Institutionen sich aktiv am Rassismus beteiligen – im Namen des Staates. So gaben 56% der Befragten an, grundlos von der Polizei kontrolliert und verdächtigt zu werden. Weitere 56% gaben an, gefragt zu werden, ob sie Drogen verkaufen.

Während schwarze Männer häufiger kriminalisiert werden, werden insbesondere schwarze Frauen und schwarze trans- und nicht-binäre Personen häufig sexualisiert. Fast 80% der Befragten erhalten auf Dating-Apps sexualisierte Kommentare bezüglich Herkunft und Aussehen; ein Drittel wurde bereits pauschal für eine*n Sexarbeiter*in gehalten. 

Nichtzugehörigkeit und Aberkennung von Kompetenzen 

Die Aberkennung von Fachkompetenzen ist eine weitere Facette der Homogenisierung und Entindividualisierung schwarzer Menschen. Über 70% gaben an, bereits für eine Servicekraft, Reinigungskraft oder eine*n Verkäufer*in gehalten zu werden, während 9 von 10 Afrozensus-Befragten für ihr “gutes Deutsch” gelobt wurden, obwohl Deutsch ihre Muttersprache ist. Eine Afrozensus-Teilnehmerin erzählt: „Ich wurde in der öffentlichen Toilette im Einkaufszentrum beim Händewaschen auf die dreckige Kabine aufmerksam gemacht, weil man automatisch dachte[,] Schwarze Frauen sind immer die Toilettenfrauen” (218). 

Genauso üblich ist es, dass schwarze Ärzt*innen oder Jurist*innen nicht als solche ernst genommen werden, wie eine betroffene Teilnehmerin schildert: „Ich bin Juristin. Während des Referendariats musste ich deshalb oft zu Gericht. Während meine Kollegen ohne Probleme ein- und ausgehen konnten, wurde ich regelmäßig von den Justizbeamten angehalten und gefragt, was ich im Gericht zu erledigen hätte. Einmal wurde ich auf meine Antwort, dass ich Referendarin bin, von den ausschließlich weißen männlichen Beamten laut ausgelacht.” 

Bildung schützt nicht vor Rassismus 

Dass auch gebildete Menschen rassistisch sein können, und auch gebildete Menschen Opfer von Rassismus werden, macht der Fall Grada Kilomba deutlich. Die portugiesische Akademikerin und Künstlerin war in ihrem akademischen Umfeld in Berlin häufig mit Diskriminierung und Rassismus konfrontiert. In ihrem Buch Plantation Memories (2010) schreibt Kilomba über ihre Erfahrungen Folgendes: 

“As a scholar, I am commonly told by white colleagues that my work is very interesting, but not really scientific, a remark which illustrates this violent hierarchy in which Black scholars reside (…) In feminist discourses as well, men try to irrationalize the thinking of women, as if such feminist interpretations were nothing but a fabrication of the reality, an illusion, maybe even a female hallucination” (84).

Frauen sind emotional, Männer rational. Nach dem gleichen irreführenden Muster werden  schwarzen Menschen ihre Kompetenzen abgesprochen, erklärt Kilomba: Weiße Menschen haben Fakten, schwarze Menschen Meinungen. Kilomba bemängelt, dass „Rassismus tendenziell einfach als eine externe ‚Sache‘, eine ‚Sache‘ aus der Vergangenheit angesehen wird (…)“ (40). 

Doch leider ist Rassismus keine Sache der Vergangenheit. Viel mehr haben Betroffene das Gefühl, dass Rassismus in Deutschland stärker geworden ist. 41,2% der Afrozensus-Befragten schätzen, dass Rassismus in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. 18,3% würden sogar sagen, dass Rassismus in den letzten fünf Jahren stark zugenommen hat. Lediglich 2,7% gaben an, nie von anti-Schwarzem Rassismus betroffen zu sein.

Rassismus in Deutschland: Eine Wissenschaftslücke

Angesichts der Zunahme von Rassismus ist es höchste Zeit, diesen auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive anzugehen. Insofern liefert der Afrozensus den langersehnten Startschuss für einen wissenschaftlichen Diskurs über Rassismus in Deutschland.

Die Daten aus dem Afrozensus fungieren als Grundlage, um politische Forderungen aufzustellen. Und konkrete Forderungen, die gibt es: Betroffene fordern eine öffentliche Debatte, in der es um kollektive Verantwortungsübernahme geht, aber auch gezielte Maßnahmen zum Schutz von schwarzen Menschen, Beratungsstellen für Betroffene, Universitäts-Fakultäten zu Black Studies und eine klare Definition von anti-schwarzem Rassismus. Denn nur wenn Rassismus als Strukturproblem begriffen und angegangen wird, können Szenen, wie die, die Adegbayi B. miterleben musste, in Zukunft verhindert werden. Und niemand wird mehr ins Bananenland zurückgeschickt.


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