„Meine Gedanken zu mental health: Kreide“ – Malin Makinya

Ich bin eine harmoniebedürftige Person. Mein Vater sagt immer, dass ich egoistischer sein sollte. Das ist ziemlich ironisch, weil gerade Meine Erziehung Teil des Grundes ist, warum ich ein vielleicht zu stark ausgeprägtes Harmoniebedürfnis habe. Scheidungskind und ältere, natürlich immer verantwortungsvolle Tochter. Und nein ich spiele diese Karte nicht nur aus, weil es einfacher ist eigene Verhaltensmuster mit Erziehung zu erklären und die Verantwortung von mir zu schieben, sondern weil ich wirklich daran glaube, dass coping mechanisms früh erlernt werden und Erziehung und das familiäre Umfeld einer der Faktoren sind, die einen Menschen erklären können. Zumindest erklärt es bei mir Vieles, weil ich früh Verantwortung übernehmen musste und oft den Puffer gebildet habe, damit es den Personen um mich herum gut geht. Da war kein Platz für eigene Beschwerden und wenn die positive Bestärkung öfter dann kommt, wenn ich gute Noten nach Hause bringe, es anderen recht mache und lache, anstatt zu sagen, dass mir das zu viel wird, dann kann ich das auch nachvollziehen. Ich teile das an dieser Stelle, weil es meine Gedanken und Verhaltensmuster hoffentlich verständlicher und meine Person greifbarer macht. Ich liebe meine Familie trotzdem sehr, soll an der Stelle kurz vermerkt sein, aber der Text soll nicht davon handeln, dass ich mein Eltern mag, sondern einen kleinen Einblick in meine Gedanken und Gefühle geben und die Grenzen, die ich zur Zeit baue. Keine Mauer, aber meine eigene kleine Schutzfläche aus Plexiglas, ich will noch nach außen sehen können und die Welt soll mich auch sehen, aber ich will nicht überrannt werden von Ohnmachtsgefühlen, wenn ich auf der Straße rassistisch beleidigt werde oder die Nachrichten checke und Gewalt an Schwarzen Körpern sehe. Dazu muss ich erwähnen, dass ich eine afrodeutsche Frau bin, aber dazu komme ich nachher noch, wir waren ja erst bei der Harmonie und dem Grund, warum das Grenzen ziehen für mich nicht automatisch negativ besetzt ist.

An sich ist Harmonie nichts Schlechtes. Wer ist nicht gerne umgeben von positiver Energie von Ausgeglichenheit und konfliktarmem Miteinander. Das Problem an der ganzen Sache ist nur, dass sobald ich diese Bubble verlasse, Leute nicht immer meine Grenzen respektieren und ich in dem Versuch meinem Harmoniebedürfnis gerecht zu werden meine eigenen Grenzen übergehe. Meine Grenzen zu setzten ist somit über die Jahre zu dem Lieblingsprojekt meiner Therapien geworden. Sei es Grenzen gegenüber anderen zu wahren oder meinen eigenen Ansprüchen Grenzen zu setzten, so unter uns meist sind die eigenen Leistungserwarten sowieso viel zu hoch, zumindest kann ich das getrost von mir selber behaupten. Und da wären wir auch schon mitten beim Thema, ich und mein Leben und das Chaos mitten drinnen. Dabei ist Chaos nicht unbedingt etwas Schlechtes. Ich habe mit meinen 22 Jahren langsam auch begriffen, dass ich weder die Menschen um mich, noch die Weiße, wie die Welt bis dato funktioniert und strukturiert ist, kontrollieren kann. Das heißt nicht, dass ich nicht regelmäßig zusammenbreche, sich eine immense Wut in mir staut, wenn Umstände und Schicksale in ihrer Ungerechtigkeit einfach schwer zu ertragen sind. Ich habe nur gelernt und glaubt mir, das dauert leider auch seine Zeit, dass ich nicht immer nur wütend und machtlos das Chaos anstarren kann. Denn das Gute an diesem Chaos ist, dass ich entscheiden kann, wo ich meine persönliche Grenze stecke. Ich kann diese Strukturen, sei es Kapitalismus dessen Menschenbild nicht ohne Leistung und Druck auskommt oder Rassismus, eine Diskriminierungsform, die selbst, wenn man betroffen ist, auch erst Jahre später entmantelt wird für mich entschlüsseln und ein Stück weit Macht und Selbstbestimmung zurückgewinnen. Ich bin der Welt nicht ausgeliefert, ich habe Macht über meine Perspektive, darüber mit welchen Dingen ich mich beschäftige und welchen nicht. In meinem Fall ist diese Grenze zwar noch eine Kreidelinie, aber genau dieses Stück Kreide hilft mir die Nachrichten abzuschalten, wenn ein neues Video von Polizeigewalt gegenüber Schwarzen Menschen oder People of Color aufploppt und irgendeine Person natürlich keine Triggerwarnung davor ausgesprochen hat. Diese Kreide ist mein Werkzeug, wenn es darum geht meine geistige Gesundheit, neben all den Ansprüchen, die ich und andere Leute an mich stellen auf die Prioritätenliste zu setzten.

Das ist vielleicht nicht der Weg für jede Person, aber vielleicht findet sich die ein oder andere Person in diesen Zeilen wieder. Harmonie schön und gut, aber wo zur Hölle ist der Egoismus, wenn ich wie selbstverständlich angeschaut werde, wenn es in den Seminaren, die ich zur Zeit im Rahmen meines Praktikums besuche um Rassismus geht. Wo ist der weiße Mitte 40-jährige cis Mann in mir, der sich einfach zurücklehnen und sagen würde: „Also ich sehe mich hier nicht in der Verantwortung die ganze Arbeit alleine zu machen, dabei meine mentale Energie und Zeit zu investieren, nur damit ihr euch das ganz über den einfach möglichsten Weg aneignen könnt. Stellt eure Fragen doch nächstes Mal einfach Personen, die das beruflich machen oder kauft euch ein Buch.“ Natürlich sind nicht alle Mitte 40-jährigen weißen cis Männer so, doch meine Erfahrungswerte haben zumindest eine gewisse Selbstverständlichkeit gezeigt, mit der sie sich durch die Welt bewegen. In einer Welt, in der sie am meisten Privilegien sammeln ist das auch kein Wunder und soll hier auch nicht zum Vorwurf gemacht werden. Ich will nur zeigen, dass mir diese Grenze lange gefehlt hat und auch immer noch ausbaufähig ist. Diese Selbstverständlichkeit mich vor das Bedürfnis es anderen Leuten recht zu machen zu stellen. Ich habe sehr lange Fragen beantwortet, die mir weh getan haben, die Erklärbärin gespielt, obwohl ich das in der Situation nicht wollte, weil ich mich verantwortlich gefühlt habe. Verantwortlich dafür das Chaos, die Menschen um mich herum ein Stück weit besser zu machen. Meine Verantwortung ist/war allerdings viel zu übersteuert. Meine mentale Gesundheit hat unter diesem zu viel schultern gelitten. Aus einem Bedürfnis heraus meine ganzen ahnungslosen Jahre aufzuholen, in denen ich zwar immer gemerkt habe, dass da etwas ist, was anderen Leuten eine Angriffsfläche gegenüber mir gibt, mich von ihnen unterscheidet, aber bis vor knapp 2 Jahren keinen eigenen Namen hatte, bin ich übers Ziel hinausgeschossen. Ich wollte alle Bücher, die es über Rassismus gibt lesen, die unterschiedlichen Aktionsgruppen kennen lernen und dabei hat es keine Rolle gespielt, wie gut es mir selber damit ging immer wieder und wieder damit konfrontiert zu werden Schwarze Körper nur in einem gewaltvollen, ausbeuterischen Zustand oder der Auseinandersetzung damit zu sehen.

Retraumatisierung ist hier das Stichwort. Mein dumpfes Gefühl hat einen Namen bekommen: Rassismus, aber ich habe auch eine neue Welt hinter dem Vorhang aus unscharfen, dumpfen Gefühlen entdeckt, eine Welt voller empowernder, selbstbestimmter Begriffe und die Möglichkeit Kommentaren zu meiner Herkunft und dem „wow du sprichst aber wirklich gut deutsch“ etwas entgegen zu setzen. Be that as it is, irgendwann waren auch meine Kraftreserven aufgebraucht. Ich bekam Albträume von meiner Familie, mir und anderen Schwarzen Körpern, die rassistischer Gewalt schutzlos ausgeliefert waren und mein Sicherheitsgefühl wurde immer kleiner und kleiner. Meine Therapeutin nennt das rezidive depressive Episoden, was so viel heißt, dass ich in eine leichte Depression zurückfalle, weil ich keine oder schlecht ausgebildete Umgangsformen mit Alltagsrassismus oder extremen Formen von rassistischer Gewalt habe, die ich nicht ändern kann. Ich glaube ich bin nicht die einzige Person, die hin und her gerissen ist zwischen der Verantwortung die Welt woker und besser zu machen und dem Bedürfnis auch einfach mal die Klappe zu zu machen. Meine Kreide tanzt immer wieder hin und her, aber ich glaube es ist an der Zeit vor allem BIPoC zu sagen, dass es verdammt nochmal ihr Recht ist sich ab und zu egoistisch an die erste Stelle zu setzen. Die Verantwortung an andere mitstreitende Personen abzugeben und sich nicht in jede Auseinandersetzung einzumischen, wenn die Kosten für das eigene Wohlbefinden dafür zu groß sind. Mental Health ist nicht nur ein Modewort und es kann nicht sein, dass der Kampf gegen Rassismus uns ausgebrannt und mit unterschiedlichen psychischen Krankheiten kämpfend zurücklässt. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass es auch eine Kampfansage ist, trotz des rassistischen Systems in dem wir leben gesund zu sein, auf sich Acht zu geben und genau diese Achtsamkeit mit sich und gegenüber sich selber zu stärken. Ich habe für mich immer noch nicht vollkommen aufgeschlüsselt, woher bei mir die Überzeugung gekommen ist, dass ich laut im Sinne von Protesten, hitzigen Debatten und wissenschaftlichen Texten sein muss, um mir selber den Stempel geben zu können auch ja genug zu tun, um den wunderschönen BIPoC, die nach mir kommen eine bessere Welt zu hinterlassen. Im Prinzip ist das woher auch nicht entscheidend, sondern das Begreifen, dass es nicht nur den einen Weg gibt antirasstistisch zu sein. Natürlich sind die Proteste, öffentlichen Debatten und wissenschaftliche Texte ein großer Teil von der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rassismus, aber genauso ist es kämpferisch zu träumen, aufzuwachen und einen Schwarzen Körper darzustellen, der ausgeglichen ist.

Ich glaube gerade diese Dimension von rassismuskritischer Arbeit ist noch etwas underrated. Da ist kein großer Schockfaktor, keine reißerischen Bilder und auf den ersten Blick vielleicht auch nichts Spektakuläres. Aber wenn man genauer hinschaut, dann liegt gerade da die Schönheit. Veränderung sollte auch nach innen gerichtet sein. Das eigne Wohlbefinden im Blick haben und gerade auch positive Vorbilder, Lebensweißen darstellen. Ich habe mit dieser Entscheidung mein Instagramaccount zum Beispiel so umgestellt, dass ich nicht überflutet werde von ständigen Videos und der Erinnerung daran, dass ich nicht sicher bin. Natürlich ist es wichtig darauf aufmerksam zu machen, aber es ist genauso wichtig zu zeigen, dass da auch Räume sind in denen Körper von BPoC nicht ausgeliefert sind, sondern einfach nur eine schöne Zeit haben. Wir bestehen nicht nur aus der Auseinandersetzung mit Rassismus, wir sind so viel mehr und wenn eine Schwarze Person Make-up Videos macht, dann ist das nicht eine unpolitische Person, die sich aus der Verantwortung zieht, sondern eine ganz persönliche Kampfansage mit dem eigenen Traum dem System, das Schwarze Körper oft in Zusammenhang mit Gewalt zeigt, eine andere Alternative entgegenzustellen.

Wo ihr euren Kreidestrich setzt und wie ihr euer Leben lebt bleibt natürlich euch überlassen, ich hoffe nur ihr bekommt genug Rückenstärkung diese Kreide aufzuheben und euch und eure mentale Gesundheit nicht aus dem Blick zu verlieren. Es ist schwer genug irgendwann den Vorhang aus seliger Unwissenheit zu lichten und zu bemerken, huch ich lebe in einer Welt, deren funktionsweiße mir gewisse Privilegien verweigert und dann den eigenen Platz und Umgang in dieser Welt zu finden, während man den restlichen Alltag meistert. Da kommt das Frausein natürlich auch noch dazu und je nachdem welche Erfahrungen man macht oder welche Verhaltensmuster man sich antrainiert, ist der Bogen der mentalen Belastbarkeit schnell einmal überspannt. Aus einer moralischen Verantwortung und auch weil man selber in einer Position ist, in der man auf Menschen und Prozesse einwirken kann, will man sicher Verantwortung am Ende des Tages auch gerecht werden. In diesem Spannungsfeld erfordert es tatsächliche eigene Grenzziehung, Kreide und eine gesunde Portion Egoismus, um dem Kampf gegen Rassismus nicht die eigene Energie und Gesundheit komplett zu opfern. Wer weiß, vielleicht laufen dank diesem Aufruf zu mehr Achtsamkeit und mental health ein paar mehr BPoC plexiglasgeschützt durch die Welt. Ich hätte mir zumindest gewünscht, dass mir gerade eine Person, die selber von Rassismus betroffen ist sagt: Es ist in Ordnung nicht alles zu machen, ich weiß das Chaos ist schwer zu ertragen, aber diese Verantwortung musst du nicht alleine schultern und es ist auch vollkommen zulässig mit deinen Träumen und anderen Formen der Auseinandersetzung deinen Teil beizutragen. Das ist kein Wettbewerb, wer mehr macht, sondern eine gemeinschaftliche Aufgabe, in der so viele unterschiedliche Personen zusammenkommen, dass dort jeder seinen Platz findet, also zieh deine Grenzen so, dass es dir gut geht, das kann nämlich niemand für dich machen, aber am Ende kannst du dir dein eigenes Stückchen Frieden selber schenken.

– Malin

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