Bloß nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen! – Monzer Haider

„Gast-Gastgeber:in-Modell“ schadet der Integration

Nach dem zweiten Weltkrieg warb Deutschland Hunderttausende ausländische Arbeitskräfte an, um den Arbeitskräftemangel in der Nachkriegszeit auszugleichen. Viele davon waren aus Italien, Griechenland, Spanien und in großer Zahl aus der Türkei. Diese Menschen spielten bei dem Wiederaufbau Deutschlands sowie bei dem Wirtschaftswunder eine wesentliche Rolle, das von allen Seiten zu würdigen ist. Sie wurden, bzw. werden immer noch als „Gastarbeiter:in“ bezeichnet, da man davon ausging, dass sie nach dem Erreichen wirtschaftlicher Zwecke Deutschland verlassen würden. Dementsprechend erhielten sie zunächst für lediglich ein Jahr Aufenthaltsrecht. Sie arbeiteten unter schwierigen Arbeitsbedingungen, vor allem in der Landwirtschaft, im Baugewerbe, der Eisen- und Metallindustrie und im Bergbau. Damals wurden sie von der deutschen Regierung, die wenige Maßnahmen zur Integration dieser Menschen ergriffen hatte, im Stich gelassen, lebten in Sammelunterkünften, konnten keine Sprachkurse besuchen und hatten kaum soziale Kontakte mit der deutschen Gesellschaft. Außerdem wurden sie, ihre Kultur, Sprache und Religion als „fremd“ wahrgenommen. Sowohl die deutsche Politik als auch die deutsche Gesellschaft dachten, dass die ausländischen Arbeitskräfte genügend Geld für ihre Familien sammeln und danach in ihr altes Leben zurückkehren wollten. Doch eine große Zahl dieser Menschen ist in Deutschland geblieben, deren Kinder und Enkelkinder sind hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden.

Meines Erachtens lag der größte Fehler der deutschen Regierung daran, dass sie eine kurzsichtige Integrationspolitik betrieb, welche teilweise bis heute fortgeführt wird. Eine zentrale Frage der „erfolgreichen“ Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist die Frage nach ihrer Identitätszugehörigkeit, die z.B. in der ersten Generation der „Gastarbeiter:innen“ gar nicht thematisiert wurde. Ihnen wurde sowohl auf gesellschaftlicher als auch wirtschaftlicher und politischer Ebene das Zugehörigkeitsgefühl zur deutschen Gesellschaft nicht gegeben. Sie wurden nicht als aktive Mitglieder wahrgenommen, welche das Land mit ihrer kulturellen, religiösen und sprachlichen Vielfältigkeit bereicherten. Andererseits wurde die Frage nach der Identifikation mit der deutschen Gesellschaft von Seiten der ersten Generation der „Gastarbeiter:innen“ ebenfalls nicht ernsthaft diskutiert. Doch die dritte Generation, also diejenigen, deren Eltern bereits in Deutschland geboren wurden, beschäftigt sich verstärkt mit der Frage der Zugehörigkeit und sucht diesbezüglich nach Orientierungspunkten und Gleichheitsgrundsätzen. In diesem Zusammenhang und nach dem Fall des deutschen Nationalspielers Mesut Özil (der sich mit Erdoğan fotografieren ließ) führte die Universität Duisburg-Essen im Jahr 2018 eine Studie zur Identifikation türkischstämmiger Zuwanderer:innen mit der deutschen und der türkischen Politik durch. Als zentrales Ergebnis dieser Studie wurde festgestellt, dass das Verbundensein mit Türkei zunimmt, während die Verbundenheit mit Deutschland abnimmt. Meines Erachtens betreibt die türkische AKP-Regierung eine Politik, die auf die Ansprache der türkischstämmigen Menschen im Ausland als Mitglieder der türkischen Gesellschaft abzielt, auch wenn sie davon weit entfernt sind.

Betrachtet man die deutsche Integrationspolitik ab dem Jahr 2015, in dem Deutschland Hunderttausende Geflüchtete empfing, so stellt man fest, dass sich die Integrationspolitik vielen Bereichen bezüglich der Sprach- und Integrationskurse sowie der Arbeitsintegration positiv verändert hat, allerdings nicht in Bezug auf die Identifikationsfrage. Es wird leider immer noch von „Gästen“ gesprochen, wenn die Rede von Geflüchteten ist.

In einem Gespräch mit einem Anwalt sowie einem ehemaligen Bundestagsabgeordnetem über eine „erfolgreiche“ Integration erzählten sie mir von dem „Gast-Gastgeber:in-Modell“. Demgemäß müssen die Geflüchteten sich als Gäste fühlen und dementsprechend sich an die Hausregeln der Gastgeber:innen halten. Doch dadurch wiederholt sich der gleiche Fehler der Vergangenheit, wenn die Neuankömmlinge immer noch als Gäste wahrgenommen werden müssen, wobei wir genau wissen, dass viele dieser „Gäste“ in ihrer neuen Heimat bleiben werden wollen bzw. müssen. Das Bild des „Gastes“ besagt, dass der Gast seine Meinung zur Veränderung der Hausregeln nicht äußern kann.

Komplizierter wird es, wenn die Geflüchteten sich tatsächlich als Gäste wahrnehmen und sich aus dem gesellschaftlichen und vor allem aus dem politischen Leben fernhalten, weil sie an die Begrenztheit ihres Einflusses auf die gesellschaftliche sowie politische Entwicklung des Landes glauben, wodurch die Verdrossenheit entsteht und sich die Schere zwischen ihnen und der deutschen Politik vergrößert. Auf diese Weise werden langfristige Probleme entstehen, mit denen die dritte bzw. die vierte Generation der „Gastarbeiter:innen“ nun konfrontiert ist.  Aus diesem Grund ist es notwendig, die Menschen, die in Deutschland leben, in die Gesellschaft einzubinden und sie als wesentlichen Bestandteil bei der (politischen) Gestaltung des Lebens in Deutschland wahrzunehmen, vor allem, weil zahlreiche dieser Menschen gemäß dem deutschen Staatsangehörigkeitsrecht die Möglichkeit haben, Anträge auf Einbürgerung zu stellen und somit wahlberechtigte Bürgerinnen und Bürger dieses Landes zu werden. Diese Entwicklung sehen wir bei den zahlreichen syrischen Geflüchteten, die in der letzten Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben.

Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen

Max Frisch

Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“ sagt der schweizerische Schriftsteller Max Frisch in Bezug auf die „Gastarbeiter:innen“. Heute kann man sagen, dass Menschen gezwungen wurden, ihre Länder zu verlassen. Für eine „erfolgreiche“ Integration müssen den Menschen eine Heimat der Zugehörigkeit angeboten werden. Ein grundsächliches Merkmal dieser Heimat ist meines Erachtens die politische Integration von Geflüchteten. Daran sollte die Politik denken und schnell agieren.


Über Monzer

Mein Name ist Monzer Haider und „Grüß Göttle“ ist eines meiner Lieblingsworte, mit dem ich Menschen gerne begrüße. Ich verstehe zwar kein Schwäbisch, aber ich als syrisch-kurdischer Schwabe lebe gerne im Schwabenländle. Vor 8 Jahren kam ich als Geflüchtete nach Deutschland an. Seit meiner Ankunft beschäftige ich mich mit der „Integration“ und möchte ihr Verständnis revolutionieren. Dabei setzte ich mich für eine offene, tolerante und vielfältige Gesellschaft ein, in der jedes Individuum sich wohl fühlt und vertreten wird.

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